Archive | Mai 2011

Wahrheit und Irrtum

“Man muss das Wahre immer wiederholen,
weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird
und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse,
in Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten.
Überall ist der Irrtum obenauf,
und es ist ihm wohl und behaglich im Gefühl der Majorität,
die auf seiner Seite ist”.
- Goethe zu Eckermann -

Für alle Fotofreunde

Liebe Fotofreunde – hier ein Auszug (Zitat) aus dem Internet-Auftritt der Buxtehuder Fotofreunde, den ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Jeder, der in den verschiedenen Fotocommunitys des Landes aktiv ist, kennt die Floskel “Schönes Bild”. Kurt hat dazu die passende Antwort bekommen.

aus www.buxtehuder-fotofreunde.de

Schönes Bild

Ich weiß, ich bin ja selber schuld. Seit Kurt im Internet ist und seine Bilder auf dieser Bilder-Plattform FFSÜ (Fotos-Freunde-Sülzereien)  präsentiert, ist es in letzter Zeit schön ruhig geworden. Dieses FFSÜ ist wie ein täglicher Valentinstag für Fotografen, es werden zu jedem Bild nur Blumen verteilt. Ich habe dann den Fehler gemacht, auf seine Seite zu gehen und einen ehrlichen Kommentar zu einem seiner Bilder zu schreiben.

 Ding Dong

Ich glaube, ich muss mal eben zur Tür, da war wohl jemand mit meinem Kommentar nicht ganz einverstanden. 

“Was fällt dir ein, meine schöne Seite durch einen solch boshaften Kommentar zu versauen”, brüllte Kurt mich gleich an. “Was ist denn an meinem Kommentar so boshaft? Ich habe doch eine konstruktive Kritik zu deinem Bild abgegeben.”  

Kurt hielt mir einen Ausdruck seiner Seite vor Augen, u.a. mit seinem Bild und meiner Anmerkung. 

Der Bildaufbau ist zu wirr, das Auge findet keinen Halt. Es gibt keine scharfe Stelle in dem Bild, außerdem ist es stark farbstichig in Richtung blau. Die Bildecken dunkeln sehr stark ab, evtl. mal Gegenlichtblende oder Filter überprüfen. Die Kompression ist viel zu stark. 

“Das hat nichts mit konstruktiver Kritik zu tun. Wenn du wissen möchtest, wie konstruktive Kritik zu klingen hat, dann hättest du dich nach den anderen Postern richten müssen.“ 

Ich runzelte die Stirn und sagte: “Also Kurt, da waren doch außer nichtssagenden Floskeln keine hilfreichen Kritiken auf deiner Seite.” 

Kurt schaute auf seine Seite und erwiderte trotzig: “Aha, und was ist dann das hier? Hier steht gleich deutlich als erste Anmerkung >Schönes Bild<.” 

Ich schaute etwas verdutzt: “Und? Was soll denn deiner Meinung nach >Schönes Bild< bedeuten?”

 Kurt verdrehte die Augen: “Das ist doch wohl oberdeutlich. Aber für dich als fotografischen Beginner erkläre ich das gerne noch mal. >Schönes Bild< bedeutet, dass dem Betrachter das Bild sehr gut gefällt, und zwar in Hinsicht auf eine beeindruckende Bildidee, eine überlegt angewandte Gestaltung und eine hervorragende Technik.” Kurt verschränkte die Arme und grinste mich an, so auf die Art ‘Und nun kommst du’. 

Ich blieb ganz ruhig und meinte: “Wo haste denn diese Definition für >Schönes Bild< her?”  

Kurt verdrehte wieder die Augen: “Was heißt denn hier, wo ich die Definition her habe? Das ist doch wohl klar, was der Ausdruck >Schönes Bild< bedeutet. Was soll das denn sonst heißen?” 

“Na ja, es ist eigentlich wie bei Beurteilungen oder Zeugnissen. Da steht dann auch ‚Er war stets bemüht‘, was dann soviel bedeutet, dass er eine ziemlich faule Sau war.”

“Ach was“, sagte Kurt leicht errötet. Er ging wohl gerade in Gedanken seine letzte Beurteilung durch. “Und was soll dann >Schönes Bild< deiner Meinung nach bedeuten?” 

Ich machte einen leicht nachdenklichen Eindruck und sagte: “So genau kann ich das jetzt auch nicht sagen, aber ich kann ja mal nachschauen.” 

“Wo nachschauen?” fragte Kurt. 

“Na ja,“ antwortete ich, “dafür gibt es doch die International Guidelines for Photocomments. Moment, ich hol die mal eben.” 

Ich ging in mein Arbeitszimmer und kam nach zwei Minuten wieder zurück. Kurt stand da immer noch mit aufgerissenen Augen. Wusste ich’s doch, davon hatte er noch nie was gehört. 

Ich schaute ihn gar nicht an und fing an zu blättern. “So, dann wollen wir doch mal schauen. >Schönes Bild<, da haben wir es ja schon:

Schönes Bild

-      Steht dieser Ausdruck alleine als Anmerkung, so ist davon auszugehen, dass der Schreiber dies aus reiner Freundlichkeit und Tradition von sich gibt. Es ist der Ausdruck des Betrachters, der keine gelungenen fotografischen Ansätze in dem Bild sieht und somit auch keine positive Anmerkung von sich geben kann. Da der Betrachter den evtl. zartbesaiteten Autor nicht kränken möchte, benutzt er die nichts sagende Floskel >Schönes Bild<. Man kennt diese Art auch aus der Kindheit, wenn die Mutter zum Baby sagt: “Hattu schön die Windel volle macht?” oder auch nach dem “Ersten Mal”, wenn die Freundin danach sagt: “Nein, ich find’s toll, dass du so früh gekommen bist.“

Der konstruktive Inhalt für eine fotografische Anmerkung ist gleich Null.“ 

“Das ist doch Quatsch”, meinte Kurt aufgeregt. “Warte, warte, was ist mit dem Kommentar hier >Wow, hammermäßiges Bild, das knallt voll rein<.” 

“Moment, ich schau mal eben. Ah ja, hier haben wir’s: 

Wow

Steht dieser Ausdruck alleine als Anmerkung, siehe >Schönes Bild<.

-      Steht das Wow in Verbindung mit megageil oder hammermäßig, ist davon auszugehen, dass der Schreiber unter leichtem Drogeneinfluss steht.

-       In Ausnahmefällen wird der Zusatz “knallt voll rein” benutzt. Es gilt der o.a. Satz, nur ersetzen Sie das Wort “leicht” durch “schwer”.

Der konstruktive Inhalt für eine fotografische Anmerkung ist gleich Null. 

“Aber hier, dieser Kommentar ist doch wohl voll des Lobes. Toll, habe ich auch mal versucht, aber deines ist viel besser.’ Das ist doch wohl auch ohne Buch klar.”  

“Schauen wir mal.” Ich versuchte möglichst coole Gesichtszüge aufzusetzen. Jeder Ansatz von Schadenfreude würde Kurt zum Platzen bringen. 

Vergleiche mit eigenen Bildern, wobei das zur Kritik stehende als das bessere betitelt wird.

-       Hat der Schreiber ein eigenes ähnliches Bild, das deutlich schlechter ist, so würde er dies im Normalfall erst gar nicht anmerken. Finden Sie trotzdem diese Anmerkung, so können Sie davon ausgehen, dass sich der Kritiker über Ihr Bild lustig macht und mit seinem Hinweis sagen möchte ‚Schau mal auf meine Seite, wenn du sehen möchtest, wie man es richtig macht, du Birne‘.  Da diese ehrliche Kritik beim Autoren nichts bewirken würde, versteckt man diese Absicht hinter nett zu lesenden Lobesfloskeln.

Der konstruktive Inhalt für eine fotografische Anmerkung ist gleich Null. 

Kurt nannte mir der Reihe nach weitere Kommentare wie super, geil, fantastisch usw. Die Erklärungen des Buches dazu waren immer sehr einfach, überall stand nur: ‘Siehe >Schönes Bild<‘. 

Kurt unternahm einen letzten Versuch. “Jetzt aber, dieser Kommentar ist kurz, sehr eindeutig und nicht falsch zu interpretieren: ‘Super, das  Motiv ist echt klasse‘. Jetzt wollen wir doch mal sehen, was dein schlaues Buch dazu meint.” 

Blätter, blätter, aha, das war leicht zu finden. 

Tolles Motiv

-      Auf der Erde gibt es verschiedene Motive, manchmal sogar tolle Motive. Es gibt auch Bananen, manchmal auch tolle Bananen. Wenn Sie eine Banane fotografieren, haben Sie eine Banane fotografiert. Wenn Sie eine tolle Banane fotografieren, haben Sie eine tolle Banane fotografiert. Das ist völlig unabhängig davon, ob Ihr Bild gut oder schlecht ist, es bleibt eine tolle Banane. Ersetzen Sie nun tolle Banane durch tolles Motiv. Der Kritiker will damit ausdrücken, dass es nichts Positives an Ihrem Bild gibt. Um jedoch trotzdem seiner Kritik einen freundlichen Touch zu geben, lobt er etwas, was nicht Ihr Verdienst ist, nämlich das Motiv.

            Der konstruktive Inhalt für eine fotografische Anmerkung ist gleich Null. 

Kurt zerknüllte den Zettel mit seinem Bild und den Kommentaren und sah ziemlich sauer aus. “Hätte ich mir auch gleich denken können. Die Kommentare glichen doch zu sehr die von meiner Else, wenn Sie mal wieder irgendeine Anschaffung plant. Aber bei den FFSÜs verstehe ich das nicht, die wollen doch nichts von mir, warum dann diese Sülzereien?” 

Ich zuckte mit den Schultern und meinte: “Keine Ahnung, vielleicht sehnen sich viele einfach nach ein paar Streicheleinheiten. Ist doch auch nicht sooo schlimm, wenn man es richtig zu interpretieren weiß. Es ist halt nur die Gefahr da, wenn man mal eine richtige Bildkritik erhält, dass man das dann persönlich nimmt und die Selbstkritik stark nachlässt.” 

“Kann mir nicht passieren,“ meinte Kurt, “ich bin immer offen für ehrliche Kommentare.”  

Jaja, dachte ich, unbedingt. 

“Da war doch noch ein weiterer Kommentar auf deiner Seite,” bemerkte ich. 

Kurts Miene verfinsterte sich ein wenig und er meinte: “Ja, da hat einer einfach ‚Ab in die Tonne‘ geschrieben, aber den habe ich gleich ignoriert, der will doch einfach nur provozieren.” 

“Ach, den hast du einfach ignoriert und der hat sich auch nicht mehr geäußert?” 

“Neinnein“, entgegnete Kurt, “das ist anders gemeint. Wenn jemand sich so äußert, dann kann man den bei FFSÜ auf IGNORE stellen und dann kann er sich nicht weiter äußern.” 

Hmm, das ist also bei FFSÜ die Definition von Selbstkritik. Sauberer Laden, was mir nicht gefällt, wird exekutiert. 

Kurt grübelte auf einmal ein wenig und meinte dann: “Sag mal, wenn alles das, was positiv klingt, eigentlich negativ ist, dann könnte doch die Anmerkung Ab in die Tonne in Wirklichkeit etwas sehr Positives sein.

“Äh, was soll denn Positives an dem Satz Ab in die Tonne sein? Das ist doch wohl so klar, das steht hier wohl kaum drin“, sagte ich verdutzt. 

“Quassel nicht, schlag lieber das Buch auf, du hast da eh keine Ahnung von.” 

Na gut, dann wollen wir mal schauen. “Oh ja, da isses.” 

Kurt verschränkte grinsend die Arme und meinte: “Lies vor, Klugscheißer.” 

Ab in die Tonne

-      Nicht sehr konstruktiv, jedoch mit einer gewissen Bildkritikerfahrung als sehr positiv zu werten. 

“Hört, hört”, sagte Kurt in einem deutlichen Ton. 

“Moment, da steht noch viel mehr zu dem Wort.“ Ich las weiter vor. 

-      Das äußerst Positive an dem Satz Ab in die Tonne ist der Umstand, dass es sich dabei um eine knappe, aber sehr ehrliche Antwort handelt, die keinen Spielraum für Interpretationen lässt. Unter Ab in die Tonne versteht wirklich jeder Ab in die Tonne. Leichte Abwandlungen sind “Geh lieber stricken”, “Schrott”, “Für den A….” usw.

>Ab in die Tonne< ist die ehrliche Art für >Schönes Bild<. 

“Zeig mal her das Buch”, brüllte Kurt. Er blätterte noch etwas darin rum und gab es mir dann relativ unsanft zurück. “Na wartet, da wird jetzt aber einer Kommentare schreiben. Die können sich auf was gefasst machen.” Er drehte sich um und ging zu seinem Haus. Da kam ihm der Meyer aus seiner Jodelgruppe mit einem Lächeln auf dem Gesicht entgegen und rief Kurt zu: “Hallo Kurt, ich war gestern mal auf deiner Internetseite bei FFSÜ, wirklich alles sehr schöne Bilder.” 

Kurt blieb stehen, lief hochrot an, stemmte seine Fäuste in die Seite und schrie: “ICH HAU DIR DIE SCHÖNEN BILDER GLEICH UM DIE OHREN, DU FISCHKISTENPENNER!” 

Dann ging er weiter zu seinem Haus; der Meyer stand da wie ein begossener Pudel, zuckte mit den Schultern und meinte zu mir: “Was denn mit dem los? Hab ich was Falsches gesagt?” 

“Ach wo”, meinte ich, “Kurt steht halt nicht auf solche Floskeln. Der braucht konstruktive Kritik.” 

Also, denken Sie bei ihrer nächsten Bildbesprechung daran, dass der Fotograf evtl. auch Besitzer des International Guidelines for Photocomments ist. Seien Sie einfach ehrlich bei Ihrer Bildbesprechung. Es hilft wirklich niemanden Bilder *schön* zu reden. Und wenn Sie auf IGNORE gesetzt werden wissen Sie, Kurt hat sich unter einem Pseudonym auch bei anderen Plattformen eingeschlichen.

Und wehe einer schreibt mir jetzt “Schöne Geschichte”.

;-)

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This entry was posted on 8. Mai 2011, in Allgemein. 2 Comments